No longer a man’s world? –

Interview mit Jutta Freifrau von Falkenhausen und Florian Lechner

But it wouldn’t be nothing without a Woman – Zwar ist es unwahrscheinlich, dass James Brown eine Großkanzlei im Sinn hatte, als er 1966 den Hit „It's a Man’s World“ produzierte. Jedoch war dies sicher über viele Jahre eine treffende Beschreibung der Realität in der Welt der Wirtschaftsanwälte. Und heute? Auch wenn sich sicherlich vieles zum Besseren gewandelt hat, gibt es noch einige Herausforderungen zu meistern. Um herauszufinden, worin diese bestehen, und um über Lösungsansätze zu sprechen, haben wir uns mit Florian Lechner, Partner bei Linklaters, und Jutta Freifrau von Falkenhausen, Rechtsanwältin und Mitglied des Vorstands der Initiative Frauen in die Aufsichtsräte (FidAR e.V.), zum Thema Frauen und Großkanzleien ausgetauscht.


Warum sollten Kanzleien ein Interesse daran haben, Diversität auch in Bezug auf die Mitarbeit und die Karriere von Frauen zu fördern?

Jutta von Falkenhausen: Vom Gleichberechtigungsgrundsatz und einer gesunden Unternehmenskultur einmal abgesehen, wissen Kanzleien, dass heutzutage mehr als die Hälfte des besten juristischen Nachwuchses weiblich ist. Zudem gibt es auch immer mehr Mandanten, die gemischte Beratungsteams bevorzugen. Auf lange Sicht kann eine Kanzlei also gar nicht oder nur schwer ohne eine ausreichende Anzahl von Anwältinnen auskommen. Darüber hinaus wird bei großen Mandats-Ausschreibungen – insbesondere mit US-Bezug – nicht mehr nur nach Expertise und Preis gefragt. Das Thema Diversity ist ebenfalls von großem Interesse.

Florian Lechner: Dem kann ich nur zustimmen. Ausgesprochen viele der guten Bewerber sind heutzutage Frauen, und wir als internationale Wirtschaftskanzlei müssen für genau diesen Nachwuchs ein interessanter und attraktiver Arbeitgeber sein. Es geht dabei nicht nur um das Gewinnen solcher Bewerberinnen, sondern natürlich auch um das Halten. Wir haben also das Ziel, unsere Mitarbeiterinnen länger an uns zu binden – idealerweise solange, dass unsere Partnerinnen-Quote schlussendlich erhöht wird. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass inhaltlich als auch nach Geschlechtern gemischte Teams am allerbesten funktionieren: Beide denken anders, beide fühlen anders. Und diese Kombination macht’s.

Jutta von Falkenhausen: Es ist hier nicht eine Frage von „Frauen sind für die Förderung von Frauenthemen zuständig“, sondern die Partner von Linklaters sehen dies offenbar als einen strategisch wichtigen Punkt für die Zukunftsfähigkeit der Kanzlei – und das ist genau der richtige Ansatz.

Was muss am „System Großkanzlei“ geändert werden, damit es als Karriere-Option für Frauen interessanter wird?

Florian Lechner: Das alte Modell der Großkanzlei ist nicht mehr zeitgemäß. Natürlich steht die Qualität unserer Arbeit und eine ausgeprägte Servicementalität im Kern unseres Handelns. Was sich aber definitiv ändern muss, ist die Erwartung, mehr oder weniger 24 Stunden ohne Einschränkung zur Verfügung zu stehen. Solch eine Einstellung werden Mandanten auf Dauer nämlich nicht mehr gutheißen. Es werden Anwälte gefordert, die auch mal über den Tellerrand schauen und neben der technischen Brillanz ausgeglichene Persönlichkeiten sind. Und genau das geht langfristig nur mit einem intakten Sozial- und Familienleben. Wir müssen uns daher aktiv der Thematik stellen, dass Mitarbeiter auch ein funktionierendes Sozialleben einfordern dürfen.

Jutta von Falkenhausen: Die Mentalität des „Sicherheitshalber-Permanent-Verfügbar-Seins“ muss sich dringend ändern. Der Arbeitsalltag muss vernünftig gestaltet sein, und es darf nicht belohnt werden, wenn man einfach länger bleibt als die Kollegen. Unsere europäischen Nachbarn sind schon viel weiter: Wenn beispielsweise in Norwegen ein Mitarbeiter nach 20 Uhr noch am Schreibtisch sitzt, dann hakt der Chef am nächsten Tag beunruhigt nach, ob denn etwas mit der Familie des Mitarbeiters nicht in Ordnung sei. Das Thema „Zeitkultur“ mit ausgewogenen Auszeiten spielt eine ganz große Rolle, um als Arbeitgeber insbesondere für Frauen attraktiver zu werden. Natürlich muss auf der anderen Seite auch Flexibilität da sein, aber das schließt sich ja nicht aus.

Neben den Veränderungen durch die Kanzleien: Was kann jeder selbst tun, um sich ein Umfeld zu schaffen, in dem man gut und gerne arbeiten kann?

Jutta von Falkenhausen: Gerade für Frauen ist es wichtig, mit mehr Selbstbewusstsein aufzutreten. Frauen geben sich häufig noch zu devot und zweifeln schnell an sich und ihren Fähigkeiten, wohingegen Männer ihre Beförderungen aktiv einfordern. Allerdings muss man als Frau hier sehr aufpassen: Dynamisches und ehrgeiziges Verhalten wird oftmals als zickig und aggressiv empfunden, bei Männern hingegen wird gleiches Auftreten als normal angesehen. Eine ungerechte Empfindung, der dringend entgegen gewirkt werden muss.

Florian Lechner: Wir müssen dringend an der Gesprächskultur arbeiten und eine offene Diskussion fördern. Denn es ist leider schon vorgekommen, dass Mitarbeiterinnen gekündigt haben, weil sie annahmen, dass ihnen keine Flexibilität geboten werden kann. Und bevor man eine individuelle Lösung finden konnte, war die Kündigung ausgesprochen und der Wechsel in die Justiz beschlossene Sache. Wir müssen dringend an der Gesprächskultur arbeiten und eine offene Diskussion fördern.

Eine generellere Frage: Ja oder nein zur Frauenquote?

Jutta von Falkenhausen: Also, wenn wir von Quote sprechen, dann möchte ich das „Geschlechterquote“ nennen, weil es ja durchaus auch die umgekehrte Situation geben kann. Als Vorstandsmitglied bei FidAR e.V. bin ich für eine gesetzliche Quotenregelung für die Aufsichtsräte größerer Unternehmen. Eine gesetzliche Quote für Kanzleien hingegen kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Aber: Dass die Kanzlei sich selber interne Zielvorgaben setzt, halte ich für eine sehr vernünftige und sinnvolle Richtung.

Florian Lechner: Ich bin da der gleichen Meinung. Gesetzliche Quoten sind in privaten Unternehmen schwierig. Ich vertraue da auf die Fähigkeit des Marktes, dies zu regeln und auf die Vereinbarung interner Ziele. Wenn ich mit den Mitarbeitern spreche, dann betone ich eigentlich immer, dass wir ein ureigenes Interesse daran haben, die Quote zu verbessern. Ansonsten wären ja auch sämtliche Bemühungen und Vorsätze in diesem Bereich nutzlos.

Abschließend noch einmal der Fokus auf die Männer: Inwieweit trägt die Elternzeit für Männer zu einem Kulturwandel bei?

Jutta von Falkenhausen: Ganz enorm! Das ist politisch ein ganz tolles Mittel, denn zum ersten Mal haben auch Männer dem Arbeitgeber gegenüber einen gesetzlichen Anspruch auf die Möglichkeit, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Dabei sollten die Kanzleien die Elternzeit für Väter nicht nur möglich machen, sondern natürlich auch offen wollen und fördern.

Florian Lechner: Bei uns war eine ganze Zeit lang die Quote derer, die als Väter tatsächlich in Elternzeit gegangen sind, sehr gering. Also haben wir in der Kanzlei das Thema aktiv beworben und deutlich gemacht, dass die Elternzeit auch für Väter von uns gewollt ist. Seitdem ist die Quote schon deutlich gestiegen. Dies ist für Männer ein sinnvoller Einstieg in das Thema „Diversity“.

Frau von Falkenhausen, Herr Lechner – vielen Dank für das Gespräch.