Kommunikation und Anwaltskarriere –

Interview mit Karriere-Coach Dr. Martin Stellmacher

Das juristische Studium bereitet gut darauf vor, Fälle strukturiert und stringent zu lösen. In den letzten Jahren hat sich allerdings die Rolle des Wirtschaftsanwalts – insbesondere innerhalb der Großkanzleien – grundlegend geändert. Die Beratung von Mandanten ist viel umfassender, vielschichtiger und kreativer geworden und hat eine unmittelbare Nähe zu den Geschäftsabläufen eines Unternehmens. Fachliche Kompetenz allein reicht da nicht. Der Wirtschaftsanwalt agiert vorwiegend als Berater, daher sind Kommunikationsfähigkeiten elementar.


Über die wachsende Bedeutung kommunikativer Skills im Kanzleialltag und darüber, wie sie nach dem Studium vermittelt werden können, haben wir mit Herrn Dr. Martin Stellmacher gesprochen. Er ist Management-Trainer und Karriere-Coach, der für zahlreiche DAX30-Gesellschaften arbeitet. Bei Linklaters bietet er Gruppen- und Einzeltrainings für Anwältinnen und Anwälte an. Dabei fokussiert er auf Bereiche wie Führungsqualitäten, bewusste Steuerung der Work-Life-Balance und persönlicher Ziele, kommunikatives Verhalten und Projektmanagement.

Herr Dr. Stellmacher, dass die fachlichen Anforderungen an Wirtschaftsanwälte hoch sind, ist bekannt. Zunehmend entscheiden aber auch kommunikative Skills über eine Karriere in Großkanzleien. Warum müssen erfolgreiche Wirtschaftsanwälte heute nicht mehr nur gute Juristen, sondern geschickte Kommunikatoren sein?

Anwälte werden heutzutage nicht mehr nur um einen fachlichen Rat gebeten, sondern sozusagen „ganzheitlicher“ als Berater in rechtslastige Fragestellungen eingebunden. Etwa im Rahmen von Fusionen oder umfangreichen Restrukturierungen. In diesen komplexen Prozessen sind neben fundiertem Fachwissen auch Koordinations-, Moderations- und auch Mediationsfähigkeiten gefragt. Juristen müssen argumentieren, verhandeln sowie schlichten können. Sie müssen nicht nur mit Mandanten umgehen, sondern auch mit Medien und anderen Beratern, die in diese Projekte eingebunden sind.

Auf welche kommunikativen Eigenschaften kommt es Ihrer Meinung nach besonders an?

Ein Anwalt sollte in der Lage sein, belastbare Beziehungen zu seinen Mandanten aufzubauen. Das braucht vor allem Empathie und ein ehrliches Interesse an der Person des Mandanten, nicht an seiner Position. Also weg mit dem eigenen Ego. Ein Anwalt ist ein „Helfer“. Und ein Helfer sollte sich vor allem in die Perspektive seines Mandanten hineinversetzen können. Sozusagen „Empathie statt Autobiografie“.

Bedeutet das, dass ein Wirtschaftsanwalt ein geborener Kommunikator sein muss, oder kann man die von Ihnen beschriebenen Fähigkeiten erlernen?

Grundsätzlich kann natürlich jeder kommunizieren. Aber man kann und sollte sein Skill-Set ständig erweitern. Das passiert fast automatisch „on the job“ oder auch gezielter in entsprechenden Weiterbildungen. Worauf es aber wirklich ankommt, ist die Haltung, mit der man kommuniziert. Die beste Fragetechnik nützt überhaupt nichts ohne eine gesunde Neugier. Und hier wird es mit dem Erlernen schwieriger. Die eigene Haltung ergibt sich aus den eigenen Werten, Prägungen und Gewohnheiten. Sie ist also tief verwurzelt und wird von Bedürfnissen und Ängsten abgesichert. Und damit sind wir beim Thema „Coaching“. Eine Haltung kann nicht erlernt, befohlen oder einfach mal eben so umprogrammiert werden. Der wichtigste Schritt im Coaching ist daher das Bewusstmachen der eigenen Haltung und ihrer Konsequenzen. Und das ist der Startpunkt für ein langsames Umdenken.

Inwiefern können juristische Fakultäten die Ausbildung und Förderung von Eigenschaften wie Verhandlungssicherheit und Konfliktfähigkeit leisten?

Die Universitäten schaffen wichtige, zumindest technische Grundlagen. Aber eine „nahrhafte Reflektion“ ist erst möglich, wenn man in der Praxis die ersten Erfahrungen damit gemacht hat. Kurz gesagt: Man muss meistens erst einmal ordentlich vor die Wand gelaufen sein, um sich bereitwillig mit der Realität hinter den theoretischen Modellen auseinanderzusetzen. Letzteres können die Universitäten jedoch nicht leisten.

Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich mit Nachwuchsjuristen gemacht? Bringen die zukünftigen Wirtschaftsanwälte das nötige kommunikative Rüstzeug mit?

Die Frage ist sicherlich nicht pauschal mit Ja oder Nein zu beantworten. Die Versuchung ist sehr groß, sich beim Berufseinstieg mit dem im Studium erworbenen Fachwissen profilieren zu wollen. Das ist ja auch ein klarer Differenzierungsfaktor. Ein guter Jurist hat einfach viel Wissen, was andere nicht haben, und es ist sehr einfach, damit zu punkten. Und diese Versuchung ist gleichzeitig die Falle. Übrigens auch für viele ältere, etablierte Anwälte, die immer noch glauben, dass es alleine auf das Fachwissen ankommt. Meiner Erfahrung nach sollten sich junge Juristen am besten eher breit aufstellen, z.B. neben dem Studium noch anderweitig engagieren. Und zwar in Bereichen, in denen es nicht um Fachwissen geht.

Was raten Sie jungen Juristen, die sich nicht sicher sind, ob sie neben dem fachlichen Know-how auch das nötige Kommunikationsgeschick für den Einstieg in eine Wirtschaftskanzlei mitbringen?

Aktives Experimentieren. Am besten mit verschiedenen Praktika. Sowohl innerhalb als auch außerhalb der Welt der Kanzleien. Z.B. könnten sie ein Praktikum bei einer der großen Unternehmensberatungen machen – die sind sehr offen für Juristen und bieten auch in kurzer Zeit viele Eindrücke von der Wirtschaftswelt. Welche Trends erkennen Sie? Gibt es eine herausragende Eigenschaft, die die Anwaltspersönlichkeit von morgen mitbringen muss? Diese „eine“ Fähigkeit eher nicht. Es geht vielmehr um eine ausgewogene Balance zwischen fachlichen, methodischen, sozialen und persönlichen Kompetenzen. Um eine „runde“, selbstreflektierte Persönlichkeit.

Herr Dr. Stellmacher, vielen Dank für dieses Gespräch.

 

 

Unser Experte

Nach dem Studium der Weltraumphysik war Dr. Martin Stellmacher acht Jahre lang als Berater bei der Boston Consulting Group tätig. In seiner Funktion u.a. als projektverantwortlicher Manager, sammelte er Erfahrung in verschiedenen Industriebereichen (z.B. Konsum- und Industriegüter, Automotive, Medien, Finanzdienstleistungen, öffentlicher Dienst, Private Equity). In seiner jetzigen Tätigkeit als Coach, Supervisor und Organisationsentwickler unterstützt er seine Klienten in Veränderungs- und Weiterentwicklungsprozessen. Mehr zu seiner Tätigkeit finden Sie auf seiner Website.