Interkulturelle Kompetenz in Wirtschaftskanzleien –

Interview mit Dr. Jan-Christoph Marschelke

Interkulturelle Kompetenz ist heutzutage immer gefragter – insbesondere in internationalen Wirtschaftskanzleien. Dr. Jan-Christoph Marschelke, Geschäftsführer von „Globale Systeme und interkulturelle Kompetenz“ (GSiK) der Uni Würzburg, verrät uns, was sich hinter dem Begriff versteckt und was es als Anwalt alles zu beachten gilt.


Was genau ist interkulturelle Kompetenz und warum ist sie heutzutage – insbesondere für eine international tätige Wirtschaftskanzlei – immer wichtiger?

Interkulturelle Kompetenz ist die grundlegende Fähigkeit, in ungewohnten kulturellen Umfeldern zurechtzukommen und mit Menschen anderen kulturellen Hintergrunds adäquat zu kommunizieren. Dabei geht es insbesondere darum, kulturell bedingte größere und kleinere Missverständnisse zu verstehen und zu vermeiden. Interkulturelle Kompetenz ist heutzutage in vielen Lebenslagen gefragt – besonders aber in internationalen Wirtschaftskanzleien, da Internationalität automatisch ein erhöhtes Aufkommen an Kommunikation zwischen verschiedenen Kulturen bedingt. Ist ein Anwalt interkulturell kompetent, besitzt er ein tieferes Verständnis kultureller Zusammenhänge und ist in der Lage, die Bedürfnisse seiner Klienten sowie Sachverhalte und fremdsprachliche Rechtstexte schneller zu erfassen. Weiterhin führt vorhandene interkulturelle Kompetenz zu einem enormen Wettbewerbsvorteil. Denn heutzutage geht es den Klienten nicht nur um eine sehr gute rechtliche Lösung zu einem guten Preis. Sie wollen vielmehr auch ihre kulturell bedingten Gewohnheiten verstanden und respektiert wissen. Denn darauf kann eine vertrauensvolle Basis für die Zusammenarbeit zwischen Anwalt und Mandant fußen.

Gibt es im Arbeitsalltag ein Paradebeispiel für nicht vorhandene interkulturelle Kompetenz?

Es geht um die missverständliche direkte und indirekte Kommunikation, die sicher jeder von uns schon einmal erlebt hat. Was für den einen zum Beispiel ein sachlicher, konstruktiver Verbesserungsvorschlag ist – vielleicht sogar garniert mit einem Lob – kann im Extremfall für einen anderen Kulturkreis ein persönlicher Affront sein. Und das nicht, weil die Person so empfindlich ist, sondern weil in ihrem normalen, gewohnten Umfeld gilt: „So etwas macht man nicht“. Auch vermeintlich ganz simple Dinge wie ein aufwärts gerichteter Daumen können schnell zu Missverständnissen führen. In manchen Kulturen ist diese Geste phallisch konnotiert und wird als ein unanständiges Zeichen verstanden. Ein weiteres Beispiel ist das Rollenverständnis, das stark differieren kann. Der als modern geltende Chef – unautoritär, integrativ, stets um Stellungnahmen seiner Mitarbeiter bemüht – kann bei einer Entsendung in ein anderes kulturelles Umfeld grandios scheitern. Er bekommt nicht nur keine Partizipation, weil man von ihm direkte und klare Anweisungen „von oben“ erwartet. Er wird womöglich auch seine Autorität als Chef schnell einbüßen.

Wie genau kann man interkulturelle Kompetenz erlernen?

Wie vieles andere auch: Durch Theorie und Praxis. Man sollte etwas über Kultur gelernt haben, wie sie Menschen beeinflusst und was das im interkulturellen Umgang konkret bedeutet. Natürlich sollte man auch etwas über die kulturellen Umfelder lernen, in die man sich begeben möchte. Soweit die Theorie. Das alles bleibt jedoch unvollständig ohne „learning by doing“ – am besten durch einen Auslandseinsatz. Aber ein Auslandseinsatz allein macht nicht per se interkulturell kompetent. Im Gegenteil: Ohne interkulturelle Vorbereitung besteht die Gefahr, dass letztlich doch viel mehr schief geht. Und dann lastet man alles, was schlecht läuft, dem anderen Land, den „arroganten Menschen dort“ und ihrer vermeintlich verqueren Kultur an. Interkulturelle Kompetenz erfordert lebenslanges Lernen. Denn Kulturen verändern sich ständig, sie sind dynamisch.

Geht es bei interkultureller Kompetenz nur um das Erlernen von speziellem Wissen oder erfordert es auch eine bestimmte Persönlichkeit, die einem den Umgang mit anderen Kulturen erleichtert?

Wissen ist natürlich wichtig, reicht alleine aber nicht aus. Es ist sicherlich hilfreich, wenn man weiß, dass in bestimmten kulturellen Umfeldern sehr indirekt kommuniziert wird und dass man, wenn man zu direkt ist, vom Gegenüber als grob und beleidigend empfunden werden könnte. Aber wie kommuniziert man eigentlich indirekt? Wie muss man dann formulieren? Wie kritisiert man, ohne zu verletzen – aber dennoch so, dass die Nachricht ankommt? Neben erlerntem Wissen gehört ebenfalls eine ganze Menge Empathie dazu. Denn konfliktbedingte Verstimmungen werden in der Regel nicht offiziell festgestellt, sondern sie zeigen sich subtil im Verhalten des Gesprächspartners.

Was sind die Benefits erlernter interkultureller Kompetenz und welche Konsequenzen kann das Fehlen interkultureller Kompetenz im Job nach sich ziehen?

Ein herausstechender Vorteil ist sicherlich die verbesserte Kommunikationsfähigkeit, aber eben auch ein besseres Verständnis für fremdkulturelle Sachverhalte, falls es eine Kultur ist, mit der ich mich auskenne. Kenne ich die Kultur aber nicht, weiß ich dann als interkulturell sensible Person: „Da kommt etwas auf mich zu. Hier muss ich zusätzliche Erkundigungen einholen oder mich beraten lassen, damit ich professionell und handlungsfähig bleibe.“ Ist interkulturelle Kompetenz allerdings nicht oder nicht ausreichend vorhanden, kann dies in der Konsequenz ein „nicht handeln können“ bedeuten: Man akquiriert keine Klienten, vergrault sie schlimmstenfalls sogar oder erfüllt einfach den Auftrag nur suboptimal. Außerdem kann es in Bezug auf die interne Zusammenarbeit in multikulturellen Teams schneller zu Konflikten kommen. Das Tückische dabei ist: Die Beteiligten merken häufig gar nicht, dass es ein Missverständnis gab. Stattdessen führen sie ein Nichtgelingen auf die eigene berufliche Inkompetenz oder auf charakterliche Defizite ihres Kommunikationspartners zurück.

Kann das Thema „interkulturelle Kompetenz“ auch im Bewerbungsgespräch aufkommen?

Natürlich. Die interkulturelle Kompetenz steht mittlerweile in vielen Stellenausschreibungen als Anforderung. Mit vorhandener interkultureller Kompetenz kann man sich einen enormen Wettbewerbsvorteil erschaffen und zudem das Bewerbungsgespräch auf eine ganz andere Ebene befördern, auf der sich mögliche Mitbewerber ohne interkulturelle Kompetenz erst gar nicht bewegen würden. Ein positives Beispiel hierzu gibt es von einer Absolventin der Uni Würzburg. In ihrem Bewerbungsgespräch ist sie auf die von ihr besuchten Kurse zu interkultureller Kompetenz angesprochen worden. Der daraufhin folgende Austausch über Schwierigkeiten im Umgang mit bestimmten Vertragspartnern aus anderen Kulturen war ein echter „Ice-Breaker“. Den kompletten Erfahrungsbericht dieser Studentin kann man auf der Projektwebsite www.gsik.de nachlesen.

Was genau ist GSiK, das Projekt der Uni Würzburg?

GSiK ist ein studienbeitragsfinanziertes Gemeinschaftsprojekt von mittlerweile zehn Institutionen der Universität Würzburg. Sechs der zehn Fakultäten sind beteiligt. Sie alle bieten Seminare, Workshops und Vorträge rund um das Thema interkulturelle Kompetenz an. Alle aus ihrer fachlichen Perspektive, alle aber auch in allgemeinverständlicher Form. Denn eine Besonderheit des Projekts ist, dass es sich an Studierende aller Fachbereiche wendet. Gerade diese sehr breite fachliche Beteiligung ist deutschlandweit noch einzigartig. Sie macht die Komplexität der Materie sehr schön sichtbar. Aus dem breiten Angebot können die Studierenden frei wählen, je nach gewünschter inhaltlicher Ausrichtung und organisatorischer Vereinbarkeit mit ihrem Studium. Als Nachweis erfolgreich besuchter Kurse erhalten die Studenten ein entsprechendes Zertifikat. Vergleichbare Angebote für Jurastudierende sind in Deutschland leider bisher sehr rar.

Ist dieses Zertifikat aussagekräftig genug, um die eigene Bewerbung durch diese Qualifikation aufzuwerten?

Selbstverständlich. Wenn ein Arbeitgeber jemanden mit interkultureller Kompetenz sucht, wen stellt er eher ein? Den ganz ohne Nachweis? Den, der ein Wochenendseminar belegt hat? Oder den, der sich nachweislich über einen längeren Zeitraum hinweg mit der Materie beschäftigt hat? Natürlich ist es so, dass einschlägige Arbeitserfahrung im Zweifel mehr zählt – aber das gilt für andere universitäre Leistungsnachweise ebenso. Ein sehr gutes Arbeitszeugnis einer großen Kanzlei ist förderlicher als beispielsweise ein oder zwei Punkte mehr im Staatsexamen bei fehlender Arbeitserfahrung. Interkulturelle Kompetenz ist eine interdisziplinäre Zusatzqualifikation, die sowohl ein besonderes Engagement als auch das Interesse belegt, über den eigenen Tellerrand zu schauen.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um an dem Projekt teilnehmen zu können?

Man muss lediglich an der Universität Würzburg immatrikuliert sein.

Können die Kurse auch per Fernlehrgang besucht werden?

Derzeit noch nicht. Wir arbeiten aber an derartigen Modellen, die so etwas möglich machen.

Wird es in Zukunft auch an mehreren Universitäten Deutschlands solch ein Angebot geben?

Davon ist auszugehen – die Notwendigkeit interkultureller Kompetenz boomt.